Es gibt Momente im Leben, die auch in der Wiederholung nichts von ihrem Zauber verlieren.

Einige dieser Momente sind wohl der erste Schrei nach der Geburt oder das erste Kennenlernen des kleinen Bauchbewohners. Die Geburt hätte ich mir jedoch, nach dem ersten Mal (warum lest ihr hier), nicht als zauberhaft ausmalen können. Doch wie es so oft ist, kam alles 1. anders und 2. als man denkt.

 

Vom überschrittenen Entbindungstermin…

Es war der letzte Freitag im September. Unser errechneter Entbindungstermin. Schon am Morgen glaubte ich nicht mehr daran, dass an diesem Tag etwas passieren würde und um ehrlich zu sein war ich froh darüber, denn er war schrecklich. Es lief alles schief was hätte schieflaufen können und ich war in einem emotionalen Tief gefüllt mit Tränen.

In den zwei Tagen darauf entspannte sich die Lage und ich konnte wieder durchatmen. Wir unternahmen viel draußen und genossen die wohl letzten Tage zu dritt. Genau das haben wir gebraucht – uns! Doch innerlich war ich schon etwas unruhig. „Wann wird es wohl soweit sein? Wird die Fruchtblase in der Nacht oder gar draußen platzen?“ Das waren die wohl am häufigsten gestellten Fragen in meinem Kopf. Half ja alles nichts. Darum machten wir uns auch am Sonntagnachmittag auf den Weg um spazieren zu gehen. Mir ging es so gut wie seit Wochen nicht mehr an diesem Tag und das spürte man, denn unser Spaziergang endete erst nach ganzen 6 km. Geschafft von der frischen Luft ging es dann auch ins Bett.

 

…und dem Tag der Geburt

Am Morgen des 02. Oktobers wachte ich gegen 7 Uhr auf. Irgendetwas war anders. Ich fühlte mich anders. Plötzlich schoss etwas wie ein Blitz durch meinen Körper. Diesen Schmerz kannte ich. Es war die erste Wehe, die ich an diesem Tag spürte. Sie war kurz und gut zu veratmen. Ich dachte mir nichts weiter dabei uns fing an mich fertig zu machen, denn um 9 sollten wir im Krankenhaus zum CTG schreiben sein. Angekommen im Krankenhaus lag ich auch schon ein paar Minuten später am Gerät und wurde gleichzeitig untersucht. Wehen waren alle 10 Minuten zu sehen und der Muttermund war bei 2 cm. Die Ärztin meinte dazu aber nur: „Es kann Morgen soweit sein.“ „Nun gut“, dachte ich mir, „also auf nach Hause“. Auf dem Weg wollte ich aber noch einmal kurz am Supermarkt haltmachen. Gelüste und so. Dort angekommen fing ich an die Wehen stärker wahr zu nehmen. Veratmen ließen sie sich aber weiterhin gut. Also sind wir nur schnell durch den Laden und dann nach Hause. Mittlerweile war es schon kurz vor 1. Es gab Mittagessen und wir sprachen noch einmal mit unseren Nachbarn über die Betreuung von E, falls es denn plötzlich losgehen sollte.

Um mich nicht verrückt zu machen setzte ich mich danach an den Laptop und fing an mein 10 Monatsupdate zu schreiben. Doch irgendwie wurde ich immer unruhiger und konnte nicht mehr ruhig sitzen. „Gut“, dachte ich mir, „schreib ich eben im Stehen weiter“. Gemacht, getan. Doch der Beitrag sollte ein Kurzer werden. Um kurz vor halb 4 kamen die Wehen plötzlich alle 5 Minuten. Ich schickte Olli los um den Kindersitz von E ins Auto unserer Nachbarn zu bauen. Kaum war er raus, kam die nächste Wehe. Die darauf schon 2 Minuten später und genauso ging es weiter. Als er um 20 vor 4 wieder zu mir kam, bekam ich nur noch ein „Wir müssen SOFORT los“ heraus. Die Wehen waren mittlerweile so stark, dass ich mich innerlich krümmte. Ich spürte, dass das Baby immer weiter ins Becken rutschte und der Druck immer stärker wurde.

Ich verabschiedete mich von E mit einem Kuss und dem Gedanken, dass dies der letzte Moment mit ihm ganz allein war.

Fünf Minuten später saßen wir im Auto auf den Weg ins Krankenhaus. Feierabendverkehr! Doch wir kamen recht gut durch, wäre da nicht die Baustelle kurz vor dem Krankenhaus gewesen. Sechs Minuten standen wir an einer Baustellenampel, die mir vorkamen wie Stunden. Die Wehen lagen nur noch 1 ½ Minuten auseinander. Kaum auszuhalten sitzend im Auto. Endlich angekommen hat es 3 Wehen gedauert um am Kreißsaal anzukommen. Es war nun 10 nach 4 als man mich am CTG angeschlossen hat. Im selben Moment kam auch schon die Ärztin rein, welche mich noch einmal untersuchen wollte. In einer Wehenpause tastete sie schnell ab. Der Muttermund war bei 4-5 cm. Ich war sichtlich enttäuscht, denn zum gleichen Zeitpunkt hat es bei E noch 3 Stunden gedauert bis er kam. Doch ich wollte keine negativen Gedanken an mich ranlassen und außerdem war das Kreißsaalzimmer auch noch nicht wieder frei. Doch dann packte mich ein Schmerz der mir die Füße unter dem Boden wegriss. Die zuständige Hebamme kam in den CTG Raum, schaute mich an und lief sofort wieder in ein Zimmer des Kreißsaals um ihn fertig zu machen. Zu dem Zeitpunkt konnte ich nur noch am Herzmann hängend auf den Beinen stehen. Ein paar Minuten später kam die Hebamme zurück und sagte, dass der Raum nun fertig sei. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und marschierte (mit welcher Kraft auch immer) in das Zimmer. Dort angekommen sagte ich gleich, dass ich nicht liegend entbinden möchte und hielt mich zunächst an Seilen fest. Es war nun bereits 17 Uhr. Die Hebamme musste noch einmal in ein anderes Zimmer und meinte zu mir, dass ich Bescheid geben soll wenn es nach unten drückt. Sie schaffte es nicht einmal mehr bis zur Tür als die Worte „tut es“ aus meinem Mund kamen. Doch ich wusste stehend schaffe ich das nicht. Also legte sie schnell eine Matte vor das Bett, damit ich mich hinknien konnte. Hingekniet ging es auch schon los. Da war sie, die erste Presswehe. Ich spürte sie. Ich spürte alles. Kurze Pause, dann kam die Zweite und mit ihr auch der Blasensprung. Die Hebamme saß in dieser Zeit hinter mir, begleite mich mit ruhiger Stimme und lieben Worten. Doch eigentlich habe ich alles um mich herum nur noch ausgeblendet und auf meinen Körper gehört. Es war als wüsste er genau, wann ich wie handeln muss. 3 Presswehen (und eine blaue Hand meines Herzmannes) später, lag sie unter mir – unser kleines, wundervolles Mädchen. Es war 17:15 Uhr und die Sonne schien ins Fenster hinein. Sie schien auf dieses kleine Wesen als würde sie sie willkommen heißen wollen. Liv schrie kurz und lag dann ganz ruhig dort. So wunderschön. So perfekt. An ihr noch die Nabelschnur, welche wir bis zum Ende haben auspulsieren lassen. Ich konnte kaum glauben, was mein Körper da eben in so kurzer Zeit geschafft hat. Was Liv und ich da zusammen geschafft haben.

Doch nicht nur mein Körper hat ein Wunder vollbracht, sondern auch diese herzliche junge Hebamme. Sie hat mir zu einer selbstbestimmten Geburt verholfen. Hat mir gezeigt, dass die Geburt ein schönes Erlebnis sein kann und hat mir geholfen, die erste Geburt zu verarbeiten. Dafür werde ich ihr wohl ewig dankbar sein. {Außerdem hat sie, den für mich wohl schönsten Moment, nach der Geburt sogar bildlich festgehalten – das erste Kennenlernen.}

Diese Geburt hat mich so vieles gelehrt. Doch vor allem hat sie mir gezeigt, dass man immer auf sich und sein Gefühl hören sollte.