Mama zu werden ist wohl einer der schönsten Momente im Leben vieler Frauen – wenn nicht sogar der Schönste.

Man malt sich während der gesamten Schwangerschaft aus, wie es wohl sein wird, wenn man sein eigenes Baby zum ersten Mal sieht und es spürt. Glücksmomente und pure Liebe – all das empfindet man bei diesen Gedanken. Je näher der errechnete Entbindungstermin kommt, desto aufgeregter wird man. Bald schon ist es soweit. ❤

So ging es auch mir!

Ich zählte die Tage, ging in mich, spürte mein wundervolles Baby – seine Tritte, sein boxen. Der ET rückte näher und ich tat alles um mich gut vorzubereiten. Verlangsamte den Alltag, entspannte, füllte Anträge aus, hängte die letzte Deko in seinem Zimmer auf und wechselte doch noch einmal das „Welcome Home Outfit“.

In mir wuchs so viel Liebe, dass ich gar nicht wusste wohin damit. Alle schlechten Gedanken wurden durch dieses Gefühl von völliger Zufriedenheit in Luft aufgelöst.

Ich dachte, dass ich alles in allem perfekt vorbereitet war…

 

Der Tag der Geburt

Einen Tag vorm errechneten Termin setzten meine Wehen ein. 23 Stunden später kam unser Baby zur Welt.

Der erste Schrei war für mich die völlige Erlösung.

Da war er nun – dieser Moment, der mir den Atem raubte. Der Moment, der mich vor Glück weinen ließ. Ich konnte mein Glück nicht in Worte fassen. Da lag dieses kleine Wesen auf meiner Brust und wurde gestillt. Für mich stand die Zeit still. Es gab nur noch ihn, den Papa und mich – UNS als Familie. Wir konnten unsere Blicke nicht von ihm lassen.

Da ich absolut kein Krankenhaus Mensch bin habe ich mich noch am selben Tag aus dem Krankenhaus entlassen. Viel zu sehr wünschte ich mir die vertraute Umgebung zum Kennenlernen.

 

Warum das Willkommen heißen zur Achterbahnfahrt der Gefühle wurde

Zu Hause angekommen verging die Zeit wie im Flug. Heiligabend lernten ihn die Familien kennen und die restlichen Feiertage genossen wir alleine zu Hause.

Es fühlte sich alles so perfekt an, wenn mich nicht plötzlich ein schreckliches Gefühl überrannt hätte…

Von jetzt auf gleich war es da. Ein Gefühl, das mich innerlich zerrissen hat. Ein Gefühl, das mich weinen ließ und wie ein Knoten in meiner Lunge fungierte. Ich wusste nicht wohin mit mir oder wohin mit meinen Gefühlen.

Einerseits spürte ich diese pure bedingungslose Liebe, die von Tag zu Tag nur noch stärker wurde. Andererseits fühlte sich ein Teil in mir verloren. Ich spürte Schmerz und Hass. Beides in einer Form die ich bis dato nicht kannte. Nicht auf mein Kind oder auf mich selbst, nein. Ich wusste nicht wen oder was ich in diesem Moment hassen will und wer mir diesen Schmerz zufügt.

So begann mein auf und ab der Gefühle.

 

*Meine Vorgeschichte*

Mit 15 Jahren hatte ich das Glück, zu meiner wundervollen Pflegemama zu kommen, die für mich einfach nur meine Mama ist. Sie hat mich und meine 4 Schwestern alle aufgenommen und uns ein wundervolles Leben ermöglicht bzw. ermöglicht es meinen Schwestern (und ihren eigenen 3 Kindern) weiterhin, denn sie sind alle jünger als ich.

Meine Kindheit war nicht gerade sehr berauschend. Gewalt und Übergriffe standen beinahe auf der Tagesordnung. Viel schlimmer als dieser physische Schmerz war jedoch der psychische. – Kurzform –

 

Wie kam es also zu meinen Gefühlen?

Um diese Gefühle begreifen und deuten zu können begann ich in mich zu gehen. Ich wollte sie loswerden. Ich wollte, dass sie für immer aus meiner kleinen perfekten Welt verschwinden.

Nach Stunden des Weinens und der innerlichen Aufgewühltheit war es wie ein Schlag der mich traf. Von einen auf den anderen Moment war mir klar woher all das kam. Es war wie ein Bild, dass sich vor mir aufbaute. Das Bild meiner, wie ich sie nenne, Erzeugerin. Es war wie ein Flashback, welcher mich in alte Zeiten zurückversetzt hat.

Ich konnte es einfach nicht begreifen. Nein, ich wollte nicht begreifen, wie eine Mutter so sein kann. Wie man seinen Kindern physischer oder psychischer Gewalt aussetzen kann. Wie man einem Kind das Gefühl geben kann, dass es wertlos ist und nicht geliebt wird. Jetzt wo ich selbst Mutter bin noch viel weniger. Genau aus diesem Grund kam alles wieder hoch. Ich war nun selbst Mama eines kleinen Babys. Ein Baby, dass von mir abhängig ist, mich in einen Rausch der Gefühle versetzt hat und für welches ich mein Leben geben würde um es zu beschützen. Man hat doch sein Kind 9 Monate unter seinem Herzen getragen, die Tritte gespürt, Liebe aufgebaut. Wie kann man dieses Kind dann plötzlich nicht mehr so lieben? Wie kann man so ignorant sein? So völlig skrupellos ohne jegliche Emotion? Wie kann ich meinem Kind Schmerzen zufügen?

 

Lernen zu verarbeiten

Es waren Fragen über Fragen die in meinem Kopf herum schwirrten. Fragen die ich niemals beantworten kann. Genau das musste ich lernen. Ich konnte sie nicht beantworten! Ich kann und werde es nie. Es gibt Dinge und Taten auf dieser Welt die bleiben unerklärlich. Sie sind nicht nachvollziehbar und entsprechen nicht unserer Natur. Als ich das begriffen hab, lernte ich zu verarbeiten. So gut sogar, dass ich nach ein paar Wochen keine schrecklichen Gedanken mehr an mich heran ließ. Ich sah mein Baby an und wusste, dass ich es nur besser machen kann und vor allem werde.

Jeder von uns hat sein Leben selbst in der Hand, das sollten wir uns immer wieder sagen. Keine schlechte Person aus der Vergangenheit sollte uns dieses Leben ruinieren, denn das haben sie schon genug.

 

Du bist nicht allein!

Anfangs war es mir peinlich über dieses Thema zu sprechen. Ich fühlte mich schwach und das wollte ich nicht sein. Nicht jetzt wo ich so viel Verantwortung trage.

Nachdem ich halbwegs selbst mit dem Thema klarkam, begann ich zu reden. Erst mit meinem Partner, dann mit meiner Mutter und auch im Internet. Ich las mir Foren durch von Frauen denen es ähnlich erging bzw. ergeht. Man fühlte sich nicht mehr allein, nicht mehr schwach und vor allem nicht mehr hilflos.

Dieser Konflikt mit meiner Vergangenheit und mir selbst hat mich vieles gelehrt. Doch besonders hat es mir geholfen mich zu öffnen und mich nicht mehr zu schämen. Denn warum muss man sich für etwas schämen was die Psyche mit einem macht? Warum für eine schlechte Vergangenheit?

Unschöne Themen werden nicht so häufig thematisiert. Jeder Mensch spricht lieber über die positiven Dinge im Leben. Doch ich denke, dass jeder Mensch sein „Päckchen“ zu tragen hat. Also fühlt euch nie allein, denn das ist man nicht.

 

Alles Liebe

Janina ❤