Da stehe ich nun. Vor meinem Spiegel. Mein Körper so wie er ist, mit all seinen Makeln. Mit Narben, Dehnungsstreifen, leichten Falten, heller Haut, Sommersprossen. Doch soll ich euch etwas sagen? Ich liebe mich so wie ich bin. Mich und meinen perfekten unperfekten Körper.

Wie schwer mein Weg bis hier war, erzähle ich euch jetzt.

 

Ein Schatten meiner selbst

Es klingt immer so schön einfach, wenn einem Mütter, Freunde oder andere Menschen sagen, dass man sich selbst lieben und selbstbewusst sein soll.

Doch wenn man als junger Mensch mit Ängsten aufwächst und von allen Seiten nur niedergemacht wird ist das alles andere als einfach. So war es bei mir. Ich wuchs bis zu meinem 15. Lebensjahr bei Menschen auf die man Eltern nicht nennen kann. Menschen, die eigentlich niemals hätten Kinder bekommen dürfen so furchtbar sind sie. Währenddessen andere Kinder in meinem Alter fröhlich mit der Mutter in die Stadt zum Shoppen fuhren oder andere gemeinsame Aktivitäten unternahmen, saß ich mit meinen Geschwistern in einer viel zu kleinen verdreckten Wohnung.

Es gab keine richtige Beschäftigung. Wir hatten nur uns. Wir hatten nicht viel Kleidung und die die wir hatten war oft kaputt oder zu klein. Ob es mir hierbei um das materielle ging? Nein! Aber es spielt gerade auch in der Pubertät eine große Rolle. Es vergingen Tage, an denen sich niemand um uns kümmerte und ich als Mutterersatz einspringen musste. Es gab auch Tage an denen sie begannen „sich um uns zu kümmern“. Dies taten sie indem sie uns anschrien, schlugen und niedermachten. Da wünschte ich mir nur noch weg von ihnen zu kommen. Meine Geschwister zu nehmen und einfach abzuhauen.

Jahre vergingen in denen alles nur schlimmer wurde. In denen die Übergriffe gewaltsamer wurden. Auch die Folgen dieser Übergriffe wurde nun sichtbar. Eine gebrochene Nase hier, eine Narbe da. Aber was sind schon die physischen Schäden, wenn einem die psychischen viel mehr zerstörten. Einen Ausweg sah ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Bis sich alles von einen auf den anderen Tag änderte. Der Tag an dem ich zu meinen Pflegeeltern kam war wie ein Befreiungsschlag. Ich war weg von ihnen. Weg von meinen Peinigern. Doch, dass das erst der Anfang von der Reise zu mir selbst sein sollte war mir noch nicht klar.

 

Mein Weg ins Licht

Wenn man erst einmal aus dem Schatten getreten ist, will man ins Licht. Man möchte zu sich selbst finden und endlich glücklich sein. Doch dieser Weg dauerte bei mir fast 8 Jahre. Es ist ein langer steiniger Weg. Er tut weh und man fällt oft. Doch eins habe ich gelernt! Man muss immer wieder aufstehen.

Die anfänglichen Glücksgefühle vergingen schnell. Da war sie wieder die bittere Realität. Eine geschändete Kinderseele ohne einen Funken Selbstbewussten oder Selbstliebe. Ich war leer und fühlte mich verloren. Wie sollte ich diesen Körper und mich selbst jemals lieben können?

Mein größter Fehler zu dieser Zeit: Ich suchte Bestätigung durch andere Menschen. War in Beziehungen, in denen ich nicht hätte sein dürfen. Nicht weil die Personen nicht wunderbar zu mir waren. Das waren sie. Sie machten mir Komplimente, die eine Zeit lang die Wunden heilten – zumindest dachte ich das. Doch jedes Mal wieder kam der Zeitpunkt, wo die lieben Worte nicht mehr halfen. Wo jemand Neues mir diese Worte sagen musste, damit diese nicht ihren Reiz verlieren. So verletzte ich Menschen und noch viel mehr mich selbst.

Meine Pflegemutter hatte mit allem was sie mir damals sagte Recht! „Du kannst erst jemanden richtig lieben, wenn du beginnst dich selbst zu lieben!“. Das waren ihre Worte. Im Nachhinein kann ich nur darüber schmunzeln wie sehr ich diese gehasst habe. Sie wollte immer nur das Beste für mich und ich kämpfte gegen an. Hilfe wollte ich nie annehmen. Nein, ich wollte das alleine schaffen. Bis zu dem Tag an dem ich begriff, dass es so nicht mehr weitergeht.

Es fühlte sich an als würde ich mich selbst verraten. Meinen Körper verraten und meine Psyche immer weiter zerstören. Ich begriff, dass kein anderer Mensch auf dieser Welt mir jemals die Liebe geben kann, die ich suchte. Denn diese Liebe war die zu mir selbst. Dies war mein erster Schritt ins Licht.

Vom fallen und aufstehen

Da stand ich nun. Das Fundament für einen Neuanfang war gelegt. Ich wusste, dass ich mir helfen lassen muss. Dass ich akzeptieren muss, dass man nicht alles alleine schaffen kann. So suchten meine Mutter und ich einen Therapeuten heraus. Dieser begleitete mich 1 ½ Jahre. Wir arbeiteten in dieser Zeit die Vergangenheit so gut wie möglich auf. Manche Sitzungen fielen mir leicht, andere sehr schwer. Doch es half mir – sehr sogar. Als ich zum Studieren 2012 nach Hannover zog, beendeten wir die Therapie. Ich dachte, dies könnte nun der Startschuss für mich sein. Wollte durchstarten mit meinem neuen Selbstbewusstsein. Zumindest dachte ich zu diesem Zeitpunkt, dass ich Selbstbewusst sei.

Das Studium begann, ich verliebte mich und alles nahm wieder seinen Lauf. Die Zeit zwischen Oktober 2012 und Juni 2013 nenne ich nur noch „schwarzes Loch“. Denn in genau das fiel ich. Es war eine Zeit voller Tränen, Einsamkeit und Verzweiflung. Zu dieser Zeit brach über ein halbes Jahr der Kontakt zu meiner Familie ab. Ich weiß nicht einmal richtig warum ich dies zugelassen habe. Meine Beziehung die ich zu diesem Zeitpunkt führte, war im Nachhinein gesehen zum Scheitern verurteilt. Ich war nicht ich. Gefangen in diesem Loch belog ich mich selbst. Bereit für eine Beziehung war ich noch lange nicht. Erst nach dem großen Knall im Sommer 2014, als die Beziehung beendet wurde, begann ich zu mir zu finden.

Ich weiß nicht was es war oder wer, aber dieses Jahr änderte mein Leben. So begann ich offen zu reden. Über mich, meine Vergangenheit und vor allem MIT den Menschen die ich über alles liebte – meiner Familie. Sie waren die Personen, die immer an meiner Seite waren. Die mich kannten und liebten in meinen schlimmsten Phasen. Ich glaube, dass dieses reden schon sehr viel verändert hat. Die größte Baustelle war immer ich selbst! Ich habe mich nie akzeptiert. Nicht meinen Körper und nicht meine Persönlichkeit.

 

Das Ziel

Von nun an begann ich zu experimentieren. Kaufte mir neue Klamotten, machte mir Frisuren, schminkte mich nicht mehr so stark. Ja, ich wollte mich nicht mehr verstecken aus Angst jemanden nicht gefallen zu können. Denn genau das tat ich jahrelang. Diese Angst nicht geliebt und akzeptiert zu werden, war das einzige an das ich gedacht habe. Nur habe ich nie an mich selbst gedacht. Dass genau ich die Person bin, die anfangen muss sich selbst zu akzeptieren und zu lieben. Ich begann mich wieder mit Leuten zu verabreden, ging aus, machte viel mit Freunden. Doch diesmal war alles anders. Ich wusste was ich will und wer ich bin.

Ich bin Janina, blond, blass, mit Sommersprossen auf der Nase, Narben am Körper. Genau das bin ich. Ich wollte mich nicht mehr verbiegen lassen. Wollte sein wer ich bin und genau das tat ich. Ich war ich und so glücklich wie noch nie zuvor. Ich habe gelernt, dass meine Vergangenheit und meine Geschichte nicht meine Schuld sind.

 

 

Was ich euch mit diesem Beitrag sagen möchte? Seid ihr selbst! Lasst euch nicht von eurer Vergangenheit definieren. Holt euch Hilfe, wenn ihr sie braucht. Schämt euch nicht. Ihr seid liebenswert und wunderschön genau so wie ihr seid! ❤