Die Liebe der Eltern zu ihren Kindern ist das einzige vollkommen selbstlose Gefühl.

 

Selbstlos – ein Wort, dass sie am besten beschreibt: meine Pflegeeltern. Heute vor 11 Jahren. Ein Tag, der wohl mein gesamtes Leben für immer veränderte.

 

Der Anfang vom Ende

Es ist der 14. September 2007. Nichts war wie es sein sollte. Ich fühlte mich leer. Ich fühlte mich verloren. Mein Kopf brummte, mein Herz blutete. Wieder einmal ist er zurück gekommen. Wieder einmal hat sie ihn rein gelassen. Sie hat ihm verziehen, wie schon etliche Male. Abholen wollten sie mich von der Klassenfahrt – gemeinsam. So, als wäre nie etwas gewesen. Und ich? Ich konnte es nicht glauben. Bevor ich fuhr versprach sie mir, dass sich in der Zeit in der ich weg bin, nichts ändern würde. Und doch steh ich jetzt hier. Sie zusammen. Mein Herz zerrissen. Um wieder atmen zu können, blieb ich erst einmal bei einer Klassenkameradin. Traute mich nicht Heim. Viel zu schmerzhaft war der Gedanke sie dort zusammen zu sehen.

Doch blieb mir nichts anderes übrig…

Angekommen in der Hölle, sah ich eine Packung billiger Pralinen auf meinem Schreibtisch liegen und ihn in meiner Tür stehen. Er grinste mich an, als wäre er glücklich mich zu sehen. Doch alles was ich sah, war eine Bestie. Eine Bestie, die mich zerstört hat. Durch die ich mich innerlich verloren habe. Ich spürte Hass. Ich spürte Wut. Es half nichts! Er war wieder einmal da.

Ich ging zu Bett. Konnte nicht schlafen. Meine Gedanken waren ein einziges Chaos. Ich wollte und konnte so nicht weiter leben. Es war als würde mir innerlich jemand zu schreien:“RENN!“ Rennen? wie sollte ich wegrennen? Ohne meine Geschwister? Ohne die Menschen die mir alles bedeuteten? Es war zu viel. Viel zu viel. Meine Augen brannten irgendwann nur noch vom vielen weinen.

 

Der Tag der Veränderung

Samstag, der 15. September 2007. Ohne eine Minute geschlafen zu haben, klingelte am nächsten Morgen mein Wecker. Ein Fußballspiel stand an. Also packte ich meine Sportsachen und ging aus der Tür. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Es wird das letzte Mal gewesen sein. Nach dem Spiel verlor ich mich sofort wieder in Gedanken. Gedanken an zu Hause. Gedanken an ihn. Jede Faser meines Körpers versuchte sich gegen die aufkommenden Gefühle zu wehren. Doch es funktionierte nicht. Sie waren wieder da – meine Ängste. Ich blieb bei einer Freundin für ein paar Stunden. Sprach mit ihr und ihrer Mutter. Doch sie wussten nicht, was schon alles passiert ist. Sie wussten nicht, was er uns Tag für Tag antat.

Nur eine Person wusste überhaupt einen Teil des Ganzem: meine jetzige Pflegemutter.

An sie musste ich denken. Sie, eine Freundin aus Kindheitstagen meiner leiblichen Mutter. Die einzige Person, die die beiden sofort durchschaute und merkte, dass etwas nicht rund läuft. Die letzten Wochen, in den Sommerferien um genau zu sein, war sie wieder einmal für uns da als die beiden sich erneut trennten. Fing uns auf. Ließ uns bei sich wohnen. Sie war die Person, die immer ein offenes Ohr hatte. Die ruhig blieb, wenn es mal wieder laut war. Ich dachte an ihre Worte, dass sie für uns da ist, wenn was ist.

Plötzlich tat sich etwas in mir. Da war es wieder – mein inneres ich. Diesmal sagte es mir:“Tu es! Jetzt oder nie!“ Was es damit meinte? Ich soll gehen. Die Reißleine ziehen.

Ich zog sie…

Ohne weiter zu zögern, wählte ich ihre Nummer. Sie ging ran und die Situation war für sie völlig klar. Kurze Zeit später war sie bei mir, nahm mich in den Arm und fing mich auf. Wir wussten, dass erstmal kein Weg zurückführt. Also fuhren wir zu ihr und ihrer Familie. Die Nacht wurde lang. Wir sprachen viel. Sprachen über das jetzt und das was sein wird, ohne auch nur zu wissen wie schwer der Weg noch wird. Und meine leiblichen Eltern? Von denen hörten wir an diesem Tag nichts mehr.

 

Der Tag danach

Der Tag danach war der Tag, an dem mir bewusst wurde, dass es keinen Weg zurück geben wird. Er war der Tag, an dem mir klar wurde, dass es keinen anderen Ausweg gibt. Der, an dem ich wusste, dass ich meine Geschwister zurücklassen musste. Es tat weh – unendlich weh. Doch wusste ich, wir werden kämpfen. Für mich, für sie, für uns, für Gerechtigkeit.

Der Tag danach war der Tag, an dem meine jetzige Pflegefamilie beschloss zukünftig meine Familie zu sein. Der, an dem sie mir ihre ganze Liebe schenkten und ihre Loyalität.

Es war der Tag, an dem sie mich versuchten abzulenken und wir am Abend auf dem Polizeirevier landeten. Meine leiblichen Eltern hatten eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Sie kreuzten dort gemeinsam auf. Wie eine Einheit. Taten so, als wären sie besorgte Eltern. Doch das waren sie nicht. Sie waren es nie. Sie waren Tyrannen. Peiniger. Grausame Menschen die genau das zerstörten was man doch eigentlich schützen sollte – die eigenen Kinder.

Der Tag danach war auch der Tag an dem wir dem Jugendamt das erste Mal begegneten. Dem Notjugendamt. Er hörte sich die Kurzform meiner Geschichte an. War geschockt und entschied sofort. Ich durfte bleiben, bei meiner neuen Familie.

 

Eine neue Familie

Es hört sich komisch an zu sagen, dass man eine neue Familie hat. Hatte man doch schon längst aufgegeben überhaupt an eine Familie zu glauben. Eine Familie in der es keine Gewalt gibt, dafür Liebe. Doch genau von so einer Familie darf ich nun seit bereits 11 Jahren ein Teil sein. Meine Pflegeeltern hatten es alles andere als leicht. Es wurden ihnen oft Steine in den Weg gelegt, das Handeln erschwert und an Kräften gezehrt. Trotzdem sind sie immer stark geblieben, haben gekämpft und am Ende gesiegt. Sie sind die Helden meines Lebens und dafür werde ich ihnen auf ewig dankbar sein.

 

[Die Geschichte danach ist lang und steinig. Vielleicht erzähle ich sie euch wann anders. Einen Teil davon könnt ihr hier lesen]