Es gab eine Zeit in der sich alles falsch anfühlte.
Jeder Atemzug, jedes Lachen, jede Berührung tat weh.
Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute fiel schwer.
Normal wollte ich sein.
Zu euch gehören.
Zu euch, die ihr so glücklich wart.
Die ihr ihr so unbeschwert und leicht durchs Leben gewandert seid.
Wollte nicht auffallen mit meiner innerlichen Verkümmertheit.
Hab immer so getan als wäre ich wie ihr.
Als wäre zu Hause alles normal.
Baute mir ein Gerüst aus Lügen um nicht aufzufliegen.
Um nicht erklären zu müssen, warum bei uns alles anders ist.
Erzählte ich sei mal wieder tollpatschig gewesen, als mein Rücken einem Mosaik aus blau und rot glich.
Erzählte wir hätten schöne Feiertage gehabt, mit tollem Essen, viel Liebe und Geschenken – weil es sich bei euch so schön angehört hat.
So friedlich.
Erzählte von fernen Städten und Ländern, die ich von Namen eigentlich nur von seinen Alkoholflaschen kannte.
Weil ich so sein wollte wie ihr.
Weil ich Angst hatte ihr würdet mich komisch finden, wenn ihr wüsstet, dass alles was ich habe in einen Karton passen würde.
War immer sehr gut in der Schule, weil die Schule mein Ort der Ruhe war.
Weil ich mich dort ungestört und frei fühlte.
Weil ich dort sprechen und meine Meinung sagen durfte.
Weil ihr dort wart.
Ihr mit euren Geschichten vom Leben.
Ein Leben, das ich so nicht kannte.
Manchmal fiel es mir schwer Dinge zu erklären.
Warum ich nicht jeden Tag mit euch raus konnte.
Warum ich eine viel zu kleine, dreckige Hose trug.
Warum vieles anders war als bei euch.
Ihr habt Fragen gestellt.
Fragen die ich nicht beantworten durfte.
Von euch musste ich mich abwenden.
Keiner durfte etwas merken.
Er hat es mir gesagt.
Er hat mir gedroht.
Immer.
Ich hatte Angst und gleichzeitig verspürte ich nur einen Wunsch:
Bitte merkt etwas.
Holt mich hier raus.
Bitte!
Doch niemand sah meinen Schmerz.
Kein Lehrer.
Keiner von euch.
Keiner.
Und so blieb ich allein.
Allein mit der Hoffnung durch eure schönen Geschichten.
Geschichten vom Leben.
Von einem, das ich so nicht kannte.

〰️
Täglich werden 11 Kinder misshandelt, 39 Kinder sexuell missbraucht und drei Kinder pro Woche sterben an den Folgen von Misshandlung und Vernachlässigung.[PKS]
Schaut nicht weg. Schaut hin. Handelt. Denn nur so kann ein Kind davor bewahrt werden.